Podcast mit Peter Ritter
Die Treuhand- und Wirtschaftsprüfungsbranche steht vor grossen Veränderungen. Digitalisierung, steigende Regulierung, Fachkräftemangel und neue Erwartungen der jüngeren Generation prägen den Alltag vieler Unternehmen. Doch was bedeutet das konkret für KMU, für Mitarbeitende und für die Zukunft der Branche?
Im Gespräch mit Peter Ritter werfen wir einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen einer Branche, die oft unterschätzt wird – und doch zentral für das Funktionieren der Schweizer Wirtschaft ist.
Vom Finanzchef zur Wirtschaftsprüfung – ein Perspektivwechsel
Internationale Erfahrung trifft KMU-Realität
Peter Ritter begann seine Laufbahn als Finanzchef, arbeitete unter anderem in London und später in Zürich Oerlikon, bevor es ihn nach Graubünden zog. Der Wechsel in die Wirtschaftsprüfung war kein selbstverständlicher Schritt – insbesondere im Hinblick auf die KMU-Strukturen.
Anfangs stellte sich die Frage, ob die KMU-Welt überhaupt zu ihm passt. Heute ist klar: KMU sind keineswegs einfacher. Sie sind nur anders organisiert.
Wer in diesem Umfeld tätig ist, muss Geschäftsmodelle verstehen, unternehmerisch denken und über Zahlen hinaus analysieren, wie ein Unternehmen tatsächlich funktioniert.
30 Jahre Branchenwandel
Höhere Anforderungen, neue Dynamik
Ein Rückblick zeigt, wie stark sich die Branche verändert hat.
Früher arbeiteten hervorragende Sachbearbeiter ohne akademischen Abschluss im Treuhandbereich. Heute sind Fachhochschulabschlüsse, Spezialisierungen und kontinuierliche Weiterbildungen die Regel.
Die Professionalisierung ist deutlich gestiegen. Gleichzeitig hat sich die Dynamik verändert:
- Jüngere Mitarbeitende sind digital affiner
- Sie erwarten Entwicklungsmöglichkeiten
- Sie bewegen sich schneller durch Karrierestufen
Erfahrene Fachpersonen hingegen bringen Kontext, Urteilsvermögen und Kundenverständnis mit.
Der entscheidende Erfolgsfaktor liegt im Zusammenspiel dieser Generationen.
Digitalisierung und KI – Evolution statt Ersatz
Wird die Treuhand ersetzt?
Die Frage, ob künstliche Intelligenz die Branche verdrängen wird, wird oft gestellt.
Die Realität ist differenzierter: Prozesse werden effizienter, Werkzeuge leistungsfähiger, Informationen schneller verfügbar. Doch Verantwortung, Einordnung und Vertrauen bleiben zentral.
Interessanterweise zeigt sich eine positive Entwicklung. Trotz technologischer Veränderungen wurden mehr Mitarbeitende eingestellt und höhere Umsätze erzielt als ursprünglich erwartet.
Die Branche schrumpft nicht – sie transformiert sich.
Der Schlüssel liegt in Flexibilität und Kundennähe, nicht im Festhalten an Dogmen.
Veränderte Kundenbedürfnisse
Schnelligkeit ist neu – Steuern bleiben
Die Erwartungen der Kunden haben sich verändert.
Heute möchte man:
- Schnellere Antworten
- Transparentere Zahlen
- Sofortigen Zugriff auf Informationen
Unverändert bleiben hingegen steuerliche Fragestellungen und Optimierung im gesetzlichen Rahmen. Gerade im KMU-Bereich steht weniger Compliance im Vordergrund, sondern die praktische Frage:
Ist das steuerlich sinnvoll und risikoarm?
Hier entstehen häufig Missverständnisse. Nicht jede steuerliche Erwartung ist realistisch oder gesetzlich umsetzbar. Die Aufgabe des Treuhänders ist es daher auch, Klarheit zu schaffen – selbst wenn dies unbequeme Wahrheiten beinhaltet.
Verbandsperspektive – die Rolle von EXPERTsuisse
Eine heterogene Branche bündeln
Als Präsident von EXPERTsuisse begleitete Peter Ritter die Branche aus einer übergeordneten Perspektive.
Über 80 Prozent der Mitgliedsunternehmen beschäftigen weniger als zehn Mitarbeitende. Die Branche ist heterogen – mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen und Schwerpunkten.
Politische Wirkung entsteht nur durch gemeinsames Auftreten. KMU können es sich nicht leisten, an der Seitenlinie zu stehen.
Kleine profitieren von der strukturellen Stärke des Verbandes. Grosse profitieren vom politischen Gewicht der Masse.
Beide Seiten sind voneinander abhängig.
Regulierung und Arbeitgeberattraktivität
Zwischen Gesetz und Motivation
Regulierung ist notwendig, doch sie darf Motivation und Innovationskraft nicht ersticken.
Mitarbeitende müssen Freiräume haben, um Lösungen zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Führung bedeutet heute strategische Orientierung auf oberster Ebene – und operative Befähigung im Team.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Attraktivität als Arbeitgeber. Junge Fachkräfte erwarten Perspektiven, Entwicklungsmöglichkeiten und faire Modelle.
Nachfolge neu denken
Alte Modelle funktionieren nicht mehr
Traditionelle Nachfolgemodelle mit hoher Verschuldung und jahrzehntelangen Rückzahlungen verlieren an Attraktivität.
Die Realität hat sich verändert:
- Weniger Eigenkapital
- Mehr berufliche Alternativen
- Höhere Erwartungen an Fairness
Nachfolge funktioniert nur noch, wenn sie wirtschaftlich tragfähig und generationengerecht gestaltet ist.
Konsolidierung und Personalpipeline
Investieren, bevor der Druck entsteht
Ein Konsolidierungsprozess ist spürbar. Kleine Strukturen mit zwei oder drei Personen stehen stärker unter Druck als solide aufgestellte Betriebe mit klarer Organisation.
Entscheidend ist die Personalpipeline. Wer erst rekrutiert, wenn die Arbeit nicht mehr bewältigt werden kann, ist zu spät.
Investitionen in Menschen müssen erfolgen, bevor die Nachfrage offensichtlich ist.
Mitarbeitende sind keine Kostenstelle – sie sind Multiplikatoren.
Fazit: Anpassungsfähigkeit als Zukunftsstrategie
Der Wandel in der Treuhand- und Wirtschaftsprüfungsbranche ist Realität. Doch er bedeutet keinen Untergang.
Erfahrung, Flexibilität und die Bereitschaft, neue Modelle zu denken, sind entscheidend. Digitalisierung ersetzt keine Verantwortung. Regulierung ersetzt kein Denken. Und Nachfolge ersetzt keine Attraktivität.
Das Gespräch mit Peter Ritter zeigt vor allem eines:
Die Zukunft gehört jenen, die beweglich bleiben.
