Wenn dunkle Wolken aufziehen
Rund 80 % aller Schweizer KMU arbeiten mit einer Treuhänderin oder einem Treuhänder zusammen. Diese Zahl zeigt eindrücklich, wie zentral die Treuhandbranche für das Funktionieren unseres KMU‑Ökosystems ist. Gleichzeitig lesen wir immer häufiger von wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Restrukturierungen oder gar Konkursen – auch bei traditionsreichen Unternehmen.
Was bedeutet das für die Rolle des Treuhänders? Reicht es noch, Buchhaltung und Jahresabschluss sauber zu führen – oder braucht es in herausfordernden Zeiten mehr?
Krise ist kein Ausnahmezustand – sondern Teil des Unternehmerlebens
Anspruchsvolle Zeiten sind kein neues Phänomen. Währungsschocks, Corona, Lieferkettenprobleme, geopolitische Spannungen oder regulatorische Änderungen : KMU mussten in den letzten Jahren enorme Resilienz beweisen. Umso beeindruckender ist, wie viele Betriebe diese Herausforderungen gemeistert haben.
Trotzdem hinterlassen solche Phasen Spuren. Steigende Konkurszahlen sind Realität, auch wenn sie teilweise durch rechtliche Änderungen beeinflusst werden. Entscheidend ist jedoch: Krise bedeutet nicht automatisch Scheitern. Sie ist oft ein Wendepunkt, an dem sich zeigt, wie professionell ein Unternehmen geführt und begleitet wird.
Der Treuhänder als Sparringspartner – nicht nur als Zahlenlieferant
Ein zentrales Thema ist die Nähe des Treuhänders zu den Zahlen – und gleichzeitig die Gefahr, den entscheidenden Tipping Point zu verpassen. Jahresabschlüsse alleine reichen heute nicht mehr.
Gefragt ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe:
- regelmässiger Dialog statt Jahresgespräch
- kritische Fragen statt reiner Abwicklung
- Verständnis für Branche, Geschäftsmodell und Unternehmerfamilie
Der Treuhänder wird damit zum Sparringspartner für unternehmerische Entscheide. Nicht, indem er alles besser weiss, sondern indem er Zusammenhänge sichtbar macht: Wo wird Geld verdient? Wo geht Liquidität verloren? Welche Stellhebel gibt es wirklich?
Gerade bei kleineren KMU ohne eigene Finanzabteilung ist finanzielle Führung kein Nice‑to‑have, sondern das Fundament jeder Entscheidung.
Erwartungen klären – das berühmte Expectation Gap
In der Praxis zeigt sich häufig eine Lücke zwischen den Erwartungen der Unternehmer und dem Selbstverständnis des Treuhänders. Unternehmer wünschen sich Branchenkenntnis, strategische Impulse und Frühwarnsignale. Gleichzeitig betreut eine Treuhandfirma oft viele Mandate in sehr unterschiedlichen Branchen.
Aus Banksicht ist klar: Es gibt kein „perfektes“ Treuhandbüro für alle. Entscheidend ist der Fit – fachlich, menschlich und kulturell. Ein grosses oder renommiertes Büro nützt wenig, wenn es nicht zur Realität und Grösse des Unternehmens passt. Nähe, Verständnis und Vertrauen sind oft wertvoller als reine Reputation.
Frühwarnsysteme statt Excel‑Friedhöfe
Planung, Budgetierung und Liquiditätsprognosen haben im KMU‑Alltag keinen guten Ruf. Zu theoretisch, zu ungenau, zu weit weg vom operativen Geschäft. Trotzdem braucht es keine komplexen Tools.
Oft genügen einfache Instrumente:
- Debitorenalterung (30 / 60 / 90 Tage)
- übersichtliche Liquiditätsdarstellungen
- regelmässige Standortbestimmungen im Jahr
Nicht Perfektion ist gefragt, sondern Transparenz und Regelmässigkeit. Viele Probleme kündigen sich früh an – wenn man hinschaut und bereit ist, darüber zu sprechen.
In der Krise: früh, ehrlich, transparent
Wenn es ernst wird, zählen wenige, aber entscheidende Prinzipien:
- Frühzeitig handeln – Zeit ist der wichtigste Faktor
- Ehrlich und transparent sein – alles auf den Tisch
- Rollen klären – Unternehmer, Treuhänder und Bank
Unterlagen werden nicht für die Bank erstellt, sondern für unternehmerische Entscheidungen. Wer das versteht, nutzt Planung und Reporting als Führungsinstrument – nicht als Pflichtübung.
Ebenso wichtig ist, die eigenen Grenzen zu kennen. Nicht jeder Treuhänder ist Sanierungsspezialist – und das muss er auch nicht sein. Spezialisten beizuziehen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität.
Fazit: Mehr Klarheit, mehr Dialog, mehr Wirkung
Krisen legen schonungslos offen, wie gut ein Unternehmen geführt ist – und wie tragfähig die Zusammenarbeit zwischen Unternehmer, Treuhänder und Bank wirklich ist. Der Treuhänder spielt dabei eine Schlüsselrolle: als Übersetzer, Sparringspartner und Vertrauensperson.
Nicht indem er alles kann, sondern indem er die richtigen Fragen stellt, Erwartungen klärt und rechtzeitig den Dialog sucht.
Oder kurz gesagt: Klartext statt Schönfärberei – gerade dann, wenn es schwierig wird.
Hinweis: Dieser Beitrag basiert auf einer Folge des Podcasts «Klartext Treuhand» mit Patrick Sulzer. Er ist Leiter Spezialfinanzierungen bei der Zürcher Kantonalbank.