Die Treuhandbranche in der Schweiz hat einen hohen Frauenanteil – sowohl in Sachbearbeitung als auch in operativen Fachfunktionen. Dennoch gelingt es nur einem kleinen Teil der qualifizierten Fachfrauen, in Führungspositionen oder gar in die Geschäftsleitung vorzudringen. Dieses Spannungsfeld ist nicht nur ein gesellschaftliches Thema, sondern ein betriebswirtschaftlich relevantes: Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels können Unternehmen es sich kaum leisten, dieses Potenzial ungenutzt zu lassen.
Ein strukturelles und kulturelles Spannungsfeld
Die Zahlen zeigen eine Branche, die im operativen Bereich fast ausgeglichen oder sogar weiblich geprägt ist. Doch auf Partner‑ und Geschäftsleitungsebene fällt der Frauenanteil rapide ab. Dies hat vielfältige Ursachen:
Kulturelle Muster, die historisch gewachsen sind
Ungeschriebene Regeln in Führungsgremien
Fehlende Sichtbarkeit und Vernetzung von Frauen
Ein nach wie vor traditionelles Rollenverständnis in Teilen der Schweizer Gesellschaft.
Viele Frauen entscheiden sich zudem bewusst dafür, berufliche Ambitionen zugunsten familiärer Aufgaben zu reduzieren – ein Phänomen, das die Forschung bestätigt.
Herausforderungen im Karriereverlauf
Frühere berufliche Erfahrungen vieler Frauen zeigen, dass Beförderungsprozesse oft informellen Regeln folgen. Gleichzeitig wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – insbesondere in der intensiven Busy Season – zu einer realen Hürde. Fehlende Betreuungsangebote, starre Arbeitsmodelle und limitierte Flexibilität haben lange verhindert, dass ambitionierte Fachfrauen ihren Karriereweg konsequent weiterverfolgen. Fortschritte in Betreuung und FlexibilisierungIn den letzten Jahren hat sich jedoch viel bewegt. Der Gesetzgeberverpflichtet Gemeinden, Betreuungsplätze bereitzustellen: Ein wichtiger Schritt für berufstätige Eltern. Auch die Akzeptanz von Homeoffice, verstärkt durch die Pandemie, hat die Arbeitsrealität nachhaltig verändert. Gerade in der Treuhandbranche, in der Leistung und Produktivität klar messbar sind, eröffnet dies neue Möglichkeiten für flexible Arbeitsmodelle.
Warum Netzwerke entscheidend sind
Vernetzung bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor. Frauen profitieren besonders von fachlicher und persönlicher Unterstützung durch erfahrene Kolleginnen, sei es über interne Initiativen, berufliche Netzwerke oder spezialisierte Plattformen wie das FrauenNetz von EXPERTsuisse. Netzwerke erhöhen Sichtbarkeit, schaffen Vorbilder und ermöglichen berufliche Chancen, die sonst verborgen bleiben.
Brauchen wir eine Frauenquote?
Die Diskussion um Quoten wird kontrovers geführt. Viel spricht dafür, gezielt auf Diversität zu setzen, ohne starre Vorgaben zu definieren. Entscheidend ist, dass Teams nicht nur gemischt, sondern auch mehrere Frauen gleichzeitig vertreten sind. Dies erhöht die Wirksamkeit weiblicher Stimmen und verhindert, dass einzelne Frauen als Ausnahmeerscheinung wahrgenommen werden.
Was Arbeitgeber jetzt tun müssen
um Frauen gezielt zu fördern und langfristig zu halten, braucht es konkrete Massnahmen:
1. Kultur & Akzeptanz
Führungsgremien sollten anerkennen, dass Frauen teilweise anders führen, anders kommunizieren und andere Schwerpunkte setzen – und dass diese Vielfalt den Unternehmenserfolg stärkt.
2. Flexibilität & moderne Arbeitsmodelle
Homeoffice, Jahresarbeitszeit, Teilzeitmodelle und flexible Arbeitszeitfenster bieten reale Chancen für Vereinbarkeit. Erfolgreiche Unternehmen beweisen, dass diese Modelle leistungsfähig und wirtschaftlich tragfähig sind.
3. Sichtbarkeit & Förderung
Gezielte Förderung, Mentoring, transparente Beförderungsprozesse und die Bewusstmachung eigener Denkfehler sind zentrale Bausteine für mehr Chancengerechtigkeit.
Was Frauen selbst mitnehmen können
Auch für Berufskolleginnen gibt es wichtige Impulse:
- Selbstvertrauen stärken
- Führung aktiv einfordern
- Dranbleiben – auch bei Gegenwind
- Berufliche Netzwerke nutzen
- Familie und Karriere als vereinbar betrachten, nicht als Widerspruch.
Moderne Rahmenbedingungen bieten heute mehr Möglichkeiten denn je, beides zu vereinen
Fazit
Das ungenutzte Potenzial der BrancheMit einem Frauenanteil von über 50 % auf operativer Ebene verfügt die Treuhandbranche über ein enormes Talentreservoir. Um die Herausforderungen der kommenden Jahre erfolgreich zu meistern, müssen Organisationen dieses Potenzia lnicht nur erkennen, sondern aktiv nutzen. Dass viele Frauen bereit und fähig sind, Verantwortung zu übernehmen, ist unbestritten – es braucht lediglich die Strukturen, die ihnen den Weg ebnen.